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Das frohe Wiedersehen

1 – In Myrtils zefallner Hütte
Schimmerte die Lampe noch,
Als in seiner Laufbahns Mitte
Düster sich der Mond verkroch.
Walter irrte in dem Haine,
Sieht das Licht und folgt dem Scheine
Zu dem väterlichen Dach
Mit gepresstem Herzen nach.

2 – Stille wie im Todesgarten,
Stille war es in dem Haus.
Walter klopft, muss lange warten
Niemand kommt und sieht heraus.
Leise guckt er, wie Gespenster,
Durch das niedre Hüttenfenster.
Walter klopft mit Ungestüm,
Aber niemand öffnet ihm.

3 – Endlich knarrt die Tür im Angel.
Gott, wie bebt der Fremdling nicht !
Augen hohl von bitterm Mangel,
Gelb von Kummer das Gesicht,
Abgezehrte, blasse Mienen,
Die den Tod zu rufen schienen, –
Solch ein Bild stand ihm jetzt nah
In der Mutter vor ihm da.

4 – Sie begann mit blassem Munde
Ihre leise Rede an :
« Wer kommt in der späten Stunde
In der Mitternacht daher ?
Bringt Ihr nichts von meinem Sohne ? » –
« Ich » sprach er mit dumpfen Tone,
« Ein verrirter Offizier,
Suche Ruh und Nachtquartier. » –

5 – « Drinnen in des Dorfes Mitte
Sucht ein Herr ein Nachquartier.
Hartes Stroh in schlechter Hütte
Taugt nicht für ein Offizier. » –
« Trotz dem Stroh in schlechter Hütte,
Frau, gewährt mir eine Bitte,
Stroh und Schiff ist völlig gut,
Wenn man lange nicht geruht. » –

6 – « Herr, wollt Ihr auf Stroh euch legen,
Ist mein Haus euch nicht zu klein,
Dann so kehret meinetwegen
In das kleine Stübchen ein ! »
Walter trat ins dumpfe Zimmer,
Schwach erhellt vom Lampenschimmer,
Tränen füllten seinen Blick,
Doch er hielt sie noch zurück.

7 – « Grüss euch Gott ! » rief eine Stimme,
Walter kennt des Vaters Stimme,
Sie verkennt man nimmermehr.
Walter scheint das Herz zu brechen,
Er will weinen, er will sprechen,
Doch er hielt ein Augenblick
Wort und Tränen noch zurück.

8 – Männlich ging er hin zum Lager,
Aber ach ! Wie war’s ihm da,
Als er nackt und blos und hager
Seinen alten Vater sah !
Und wie war’s ihm bei dem Tone :
« Bringt ihr nichts von meinem Sohne ?
Er ist wohl so alt wie ihr,
Doch schon lange fern von mir. » –

9 – « O, so ähnlich », sprach die Alte,
« Sieht ein Ei dem andern nicht :
Walter hat die Stirnenfalte,
Nur dass Walter zarter spricht.
Und der Herr – ich bin erschrocken –
Hat fast unsers Walters Locken,
Jung und schlank und blond wie er,
Doch er fragt nach uns nicht mehr.

10 – Denk, er ist vielleicht gestorben,
Hat zuvor in fremden Land
Gold und Silber sich erworben,
Das zu Hause er nicht fand.
Herr, wenn er gestorben wäre,
Läg er auch im tiefsten Meere,
Tausend Meilen weit von hier,
Glaub, er wär erschienen mir.

11 – Denk, er lebet jetzt so glücklich,
Kann in fremdem Weltteil sein.
Wüsst ich’s, schifft ich augenblicklich
Hin zur neuen Welt mich ein.
Oder läg er auch in Ketten,
O dann wollt ich ihn erretten,
Hütt und Bett und alles drin,
Selbst mein Leben gäb ich hin. »

12 – Tränen, wild wie Bäche, flossen
Von des Vaters Angesicht,
Tränen, stark wie Ströme, flossen
Von der Mutter Angesicht.
Aus gepresster Herzensfülle
Ringsum herrschte tiefe Stille.
Stille war es wie im Grab,
Und die Tränenflut nahm ab.

13 – «Grämt euch nicht, ihr guten Leute,
Seht, ich bin ein Offizier !
Euer Walter dient bis heute
Als Gemeiner unter mir.
Wüsst er, wie es ging euch Armen,
O wie würd er sich erbarmen,
Denn sein Herz ist mild und weich,
Und er liebt und segnet euch. » –

14 – « O, ist’s möglich ? » rief der Alte.
« Walter lebt ? Wie dank ich euch !
O ist’s möglich ? rief die Alte.
« Myrtil, nun so sind wir reich.
Arm und elend, meinetwegen !
Nun kann man ins Grab mich legen ! »
Tränen trübten Walters Blick,
Doch er hielt sie noch zurück.

15 – « Nehmt », begann er, « statt des Lohnes
Armer, aber guter Mann,
Nehmt vom Freunde eures Sohnes
Dieses Geld zur Rettung an ! »
Manche Münze blank von Golde,
Treu erspart von seinem Solde,
Nahm der gute Sohn heraus,
Doch Myrtil schlägt alles aus.

16 – « Herr, ich müsste mich ja schämen,
Von dem Silber, von dem Gold
Einen Heller anzunehmen !
Sagt, wenn Ihr mir helfen wollt,
Wo ich meinen Sohn kann finden !
In Gebirg und Felsengründen
Such ich ihn, bergauf bergab,
Bis ich ihn gefunden hab. » –

17 – « Freund, wenn ihr in eurer Hütte
Euern Sohn ja sehen wollt,
So gewährt mir meine Bitte,
Nehmt von mir dies bisschen Gold ! » –
« Darf ich’s », sprach Myrtil, « ihn sehen,
Nun so lass ich’s denn geschehen.
Gottes Segen über euch !
Nun so sind wir doppelt reich. »

18 – Engel schreiben jetzt die schöne
Tat mit Strahlenschriften an,
Engel feiern jetzt die Szene,
Die kein Dichter schildern kann.
Walter scheint das Herz zu brechen,
Er will weinen, er will sprechen,
Schluchzend und mit halbem Ton
Sprach er : « Ich bin euer Sohn ! » –

19 – « Walter ! » ruft Myrtil erschrocken,
« Walter ! » ruft das Weib, « mein Sohn !
Lasst mich sehn das Mal der Pocken !
Ja, du bist’s, verlorner Sohn ! »
Schluchzend fielen sie zusammen,
Grüssten sich mit Feuersflammen. –
Und ich wende meinen Blick
Von der Gruppe nass zurück.

Ajouté à la base le 9 janvier 2023

Par : Daniel Muringer

Histoire du chant

Trouvable dans « Das Volkslied im Elsass », Joseph Lefftz, vol. 1, page 161

Collecté à Grafenstaden en 1870.

Collecte réalisée à nouveau par Daniel Muringer pour OLCA (Office pour la langue et les cultures d’Alsace), site Sàmmle

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